Byington & Scott – Die ersten weiblichen Stimmen der NBA

Lisa Byington Kate Scott Posen auf den Basketballfeld für die Kamera

Ein weiterer Meilenstein für die Frauen in der NBA: Mit Lisa Byington und Kate Scott sind diese Saison die ersten weiblichen Full-time TV Play-by-play Kommentatorinnen jemals ein Teil des täglichen Spielgeschehens.

Wer Spiele der Milwaukee Bucks und der Philadelphia 76ers ansieht, hat ab heute Frauenstimmen auf den Ohren – und das ist auch gut so! Unterzieht man die Repräsentation von Frauen in den Sport-Medien der vergangenen Jahre nämlich einmal einer genaueren Prüfung, so zeigt sich ein erschreckendes Bild.

Die Verpflichtung Byingtons und Scotts bedeutete vor wenigen Monaten das Erreichen eines neuen Meilensteins für die Liga. Nie zuvor waren Frauen für das Hauptkommentatoren Team der Play-by-Play Analyse ausgesucht worden, welche für einen Großteil der Teams noch immer Hauptsächlich mit Männern besetzt sind (eine Übersicht findet ihr hier).

Sie will sich Respekt und Vertrauen erarbeiten und erntet Hass

Zu Beginn der Saison zeigte sich Scott dementsprechend geehrt mit einer so bahnbrechenden Aufgabe betraut worden zu sein: „Die neue Stimme der 76ers zu sein ist für mich ein Traum, der endlich in Erfüllung gegangen ist. Als Kind habe ich alleine in unserer Garagenauffahrt ein paar Körbe geworfen und mir vorgestellt, ich sei Allen Iverson. Die Spieluhr lief vor meinem geistigen Auge herunter und ich konnte das Publikum rufen hören, ‚Du bist zu klein, Du gehörst hier nicht her!‘ Doch dann verwandelte ich den Fadeaway und die Zuschauer in meinem Kopf spielten vor Begeisterung verrückt.

Dass ich nun die Chance bekomme, die Stimme genau dieses Teams zu werden, ist unglaublich – ich freue mich jetzt schon darauf mir Stück für Stück mit jedem Call und jedem Game den Respekt und das Vertrauen dieser wunderbaren Stadt Philadelphia und aller Sixers-Fans zu erarbeiten.“

Nun, einige Monate später, kann unter diesem Vorhaben einerseits ein positives, andererseits aber auch ein erschreckend negatives Fazit gezogen werden. Dass Scott als Kommentatorin nämlich einen ausgezeichneten Job machen würde, war spätestens nach ihrem phänomenalen Einstieg zum Saison-Tip-Off klar. Seitdem liefert die studierte Kommunikationswissenschaftlerin und langjährige Sport-Broadcasterin an jedem Spielabend der Sixers an der Seite ihres Co-Hosts Alaa Abdelnaby als gewissenhafte Analystin und Kommentatorin ab.

Zweifel an ihrer Kredibilität – Für weibliche Kommentatorinnen ist das Alltag

Allerdings war von ihr als Moderations-Veteranin, die zuvor bereits Spiele der Golden State Warriors, in der NFL, für Pac-12 Football und im Rahmen der Olympischen Spiele in Tokio (um hier nur einige Beispiele zu nennen) kommentiert hatte, auch überhaupt nichts anderes zu erwarten gewesen. Es ist jedoch leider noch immer so, dass Frauen in den Sportmedien stets unter dem vermeintlichen Druck stehen, beweisen zu müssen, dass sie überhaupt dorthin gehören. Dies betonte unter anderem auch Kim Jones vom NFL-Network 2019 noch einmal ausdrücklich.

Dies scheint auch Scott so zu gehen, denn leider trifft auch nach Wochen, die Scott nun bereits für Philly hinter dem Mikrophon sitzt, immer noch Tag für Tag eine erschreckend große Anzahl an Hassnachrichten bei ihr ein. Der blonden Mittdreißigerin, will man ihren Erfolg und ihre Leistung mit einer Verbissenheit nicht anerkennen, die Scott jüngst dazu zwang, sich via Twitter an ihre Zuhörerschaft zu wenden:

„Für mich persönlich ist das Schlimmste an der ganzen Geschichte die Tatsache, dass die Großzahl an bösartigen Nachrichten, die mich seit meiner Ankunft in Philly erreichen, nicht aus der altbekannten Richtung des ‚old man yells at cloud’-Clubs stammen. Die Nachrichten stammen stattdessen von College-Jungs, jungen Männern und anderen Frauen. Natürlich, das könnten alles Alias sein, aber sie kommen mir real vor.“

„Ich weiß nicht, was das bedeutet aber es macht mich traurig“, schreibt Scott in einem anknüpfenden Beitrag. „Du bist ein 18,19,25 Jahre alter Typ und findest es okay, furchtbare Dinge zu einer Frau zu sagen?  Oder Du bist selbst eine Frau, die sich die Zeit dazu genommen hat, diese schlimmen Sachen über mich zu sagen?“

Eine Frau, die Ahnung von Football hat – ein „schlechter Scherz“?

Mit diesen Gedanken steht Scott keinesfalls alleine da, tatsächlich ist ihr Tweet eigentlich nur eine Antwort auf eine zuvor von ESPNs NFL-Analystin Mina Kimes veröffentlichte Privatnachricht. In dieser Nachricht wird Kimes unter anderem dazu aufgefordert damit „aufzuhören sich selbst lächerlich zu machen, indem sie vorgebe sie wüsste irgendetwas über Männer-Sport“. Die Zuschauerschaft sehe sie ferner als „schlechten Scherz“ an, einzig und allein anwesend, „um Jeff Saturday [ebenfalls ESPN NFL-Analyst, Anm. d. Red.] ein besseres Gefühl zu geben, da er sich nun mit jemandem, der Lippenstift und Highheels trägt, über Football unterhalten kann“.

Diese haarsträubende Nachricht enthält übrigens noch einen weiteren Klassiker aus der Kommentarspalte ein jeder Frau aus den Sport Medien: Die Aussehens-Frage. „Ich habe zahllose Tweets bekommen, das der einzige Grund, warum ich diesen Job bekommen habe mein Aussehen ist“, erläutert Kim Jones. „Ich habe übrigens noch viel mehr Nachrichten bekommen, dass ich den Job deshalb nicht machen sollte, da ich zu unattraktiv fürs Fernsehen bin.“

Kimes wird schließlich am Ende der langen Nachricht dazu aufgefordert, sich beruflich doch zu etwas umzuorientieren, „dass besser zu ihr passt“. – „Ich bekomme immer noch Nachrichten, dass ich doch zurück in die Küche gehen soll“, berichtete passend Tina Cervasio von Fox New York.

Um von dieser Unprofessionalität nun wieder zu etwas Seriösem zu wechseln – und auch, da mir ansonsten als Schreiberin gleich ganz anders wird – hier ein paar Zahlen und Fakten (nach einer Zusammenstellung von Quartz): Eine 25-Jahre andauernde Studie konnte zum Beispiel aufzeigen, dass sich gerade einmal 3% des Outlets lokaler Medien mit dem Frauensport beschäftigt – ESPN widmet übrigens gerade einmal schwache 2% ihres Sport-Coverages den Frauen.

Es dauerte ferner bis in die 1990er-Jahren, bis Frauen innerhalb der Berichterstattung über Sport mehr Aufmerksamkeit zuteilwurde als Pferden oder Hunden. – Viele werden sich wohl noch an jene denkwürdige Debatte erinnern, die entbrannte, als Serena Williams 2015 zur Sports Illustrated „Sportsperson of the Year” ausgezeichnet wurde, nur damit kurz darauf infrage gestellt werden konnte, ob ein American Pharoah (eine US-Amerikanische Vollblutrasse), den Titel nicht viel eher verdient hätte.

Auch die Sport-Medien bleiben eine Männerdomäne

Auch was die Besetzung der Arbeitsplätze innerhalb der Medienberichterstattung über Sport betrifft, zeichnen sich einige beunruhigende Diskrepanzen ab: Mehr als 90% aller KommentatorInnen, EditorInnen und ModeratorInnen sind Männer. Bis 2017 hat nicht auch nur eine einzige Frau jemals ein March Madness oder Monday Night Football Spiel moderiert.

Noch radikaler fällt das Urteil der Sportscasterin Lesley Visser aus, die 40 Jahre lang für die verschiedensten Netzwerke tätig war. Besonders eindrücklich erinnert sie sich jedoch an die späten 1970er Jahre zurück als sie als junge Reporterin für The Boston Globe die Kritik erhielt – und ignorierte – dass „weder Frauen noch Kinder in die Pressebox gehören“.

„Wenn ich heute zum NFC Championship eingeladen werde, finden sich in der Pressekabine vielleicht drei Frauen unter den rund 2.000 Akkreditierten. Ich glaube, das ist derselbe Prozentsatz wie in den 1980ern“, erläuterte Visser, erschüttert darüber, wie klein der Fortschritt ist, der in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erst gemacht wurde.

In der NBA Saison 2021/22 zum allerersten Mal überhaupt zwei weibliche Kommentatorinnen für die Play-by-play-Analyse einzusetzen und diese dann auch noch mit Hassbotschaften zu überziehen, ist sicherlich auch kein Glanzmoment in der Geschichte der Sportmedienerstattung.

Foto: Kate Scott / Twitter

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